|
Südwesten 2006 – Conny & Oli
2002 waren wir schon einmal durch den Südwesten der USA gereist – San Francisco, Yosemite, Highway 1, Las Vegas, Grand Canyon, Bryce Canyon, Zion. Die vielfältige Landschaft hatte uns begeistert und drei Jahre später (und durch die Inspiration zahlreicher Reiseberichte im Internet) reifte der Entschluss, wieder in die Gegend zu reisen – einschließlich der heimlichen Heirat in Carmel-by-the-Sea. Gesagt, getan.

Kurz nach Neujahr 2006 ergatterten wir ein Ticket für einen Nonstop-Flug mit United Airlines nach San Francisco mit Rückflug von Las Vegas über Denver für etwas über 800 EUR. Das war okay. Der Pfarrer für die Trauung wurde kontaktiert, nach und nach alle Hotels gebucht – der Rest war Vorfreude. Und Stillhalten: außer unseren beiden Trauzeugen, die wir natürlich einweihen mussten, damit die ihre ohnehin geplante Amerikareise so stricken konnten, dass sie gegen Ende in Carmel rauskommen, erfuhr niemand etwas von unseren Heiratsplänen.

Anfang Juni besorgten wir uns dann noch die begehrten Permits für die Wave, die bei der Vergabe auf der Website des BLM innerhalb von drei Minuten komplett vergeben waren. Und für die geplante Wanderung zur Subway im Zion Nationalpark meldeten wir uns auch an.
Anfang September 2006 durften wir dann endlich die Koffer packen. Brautkleid, Anzug und Ringe waren auch besorgt, es konnte losgehen!
Di 05.09. Frankfurt – San Francisco - Monterey
Wir wohnen nur 20 Minuten vom Frankfurter Flughafen entfernt. An- und Abreise sind da in der Regel total stressfrei – egal ob wir Stunden vor Abflug oder in letzter Minute eintrudeln. Und weil das Einsammeln der letzten Kleinigkeiten morgens sehr rasch erledigt ist, sind wir überpünktlich am Airport und innerhalb von 10 Minuten an den erfreulich leeren Schaltern von United Airlines eingecheckt.
Am Gate treffe ich eine ehemalige Kollegin, die unseren Flug nach San Francisco abfertigt und mit der wir ins Plaudern kommen. So klappt es dann sogar noch mit einem Upgrade in die Business Class. Der Urlaub fängt gut an! Wenn man einmal Airliner war, gehört man halt immer zur Familie. Und bei einem 11,5-stündigen Flug ist das Upper Deck der 747 eine andere Welt. Schön durch die Weinkarte trinken, ein paar Filme schauen und richtig lang machen. Der nächste Passagier sitzt ungefähr zwei Meter vor uns. Das verspricht doch mal entspanntes Ankommen in SFO.

Und leckeres Essen: als Starter gibt es Thymianpoularde und Räucherlachs mit Couscous und Pinienkernen, als Entrée ein Filet Mignon mit Pommery Senf-Kartoffelpüree und Gemüse oder eine Hähnchenbrust mit Rosmarin oder gefüllte Pasta und zum Desert Eis. Nicht irgendein Eis, sondern Häagen-Dazs. Sogar der Kaffee ist trinkbar bei United, weil von Starbucks. Und wenn man zwischendurch einen Snack will oder Früchte, gibt es die auch. Außerdem zwei Champagnersorten, vier Weiß- und vier Rotweine. Und vor der Landung dann noch ein warmes Ciabattabrötchen mit Roastbeef. Wir probieren fast alles!

So vergeht der Flug denn auch, nun ja, wie im Flug. Der Anflug auf SFO erfolgt von Norden genau über die Bucht inklusive spektakulärer Ausblicke auf die Golden Gate Bridge und Downtown San Francisco. Pünktlich um 16 Uhr sind wir gelandet. Strahlender Sonnenschein empfängt uns in Kalifornien.
 Bei der Einreise müssen wir erstmals Fingerabdrücke geben und fürs Foto posen. Geht aber alles ruckzuck, nach 10 Minuten sind wir durch die Immigration. Koffer holen und ab in den kleinen Zug zur Mietwagenstation. Diverse Sonderangebote von Holidayautos nutzend haben wir schon vor Monaten einen Intermediate für schlappe 600 Euronen für die drei Wochen bestellt. Die Lady am Alamo-Counter gerät etwas in Wallung, weil kein Wagen da ist, der mit einem Nummernschild zum Verlassen Kaliforniens (Rückgabe erfolgt ja in Las Vegas) ausgestattet ist. Der erstbeste, der aus der Waschanlage kommt ist ein Chevrolet Impala. Eher Full-Size als Intermediate, aber umso besser. Unser Gepäck passt jedenfalls wie maßgeschneidert in den Kofferraum. Noch schnell CDs aus der Tasche geangelt und ab auf den Highway Richtung Monterey.
Nun ist die 101 nach Süden am späten Nachmittag nicht ganz der ideale Ort für einen entspannten Start in den Urlaub. Rush hour galore im Silicon Valley! Die Commuter Lane verschafft zwar etwas schnelleres Fortkommen. Schließlich sind wir zu zweit im Auto und damit eine Fahrgemeinschaft. Trotzdem geht es immer wieder nur im Stop-And-Go voran. Irgendwo bei San Jose erwischen wir dann einen Abzweig Richtung Westen, Richtung Pazifik. Auf der 17 geht es auf kurvenreicher Fahrt durch dichte Nadelwälder – die Strecke macht schon mehr Spaß.
Statt blauen Wassers empfängt uns dann dichter Nebel an der Küste. Nix zu sehen vom Ozean. Na toll. Und ohne Sonne sinkt die Temperatur rapide Richtung 50 Grad-Marke. So hatten wir uns Kalifornien eigentlich nicht vorgestellt. Im September ist es freilich durchaus normal, dass sich eine Wolkenbank nur tagsüber vom dann von der Sonne aufgeheizten Festland aufs Meer zurückzieht.
Von den Stränden entlang des HW 1 sind jedenfalls nur die Hinweisschilder am Straßenrand zu erkennen. Ansonsten passieren wir abwechselnd Gemüseplantangen und Fischerstädtchen. Gegen 20 Uhr erreichen wir dann endlich Monterey, wo ein Zimmer im Del Monte Pines reserviert ist. Das Motel finden wir ohne Probleme, es sind nur zwei Blocks von der Autobahnausfahrt.
Jetzt erstmal High Five und großes Hallo mit unseren Trauzeugen. Die beiden sind die letzten Wochen in Texas und im Südwesten unterwegs gewesen, einige Strecken also schon mal vorgefahren. Trotz krasser Übermüdung raffen wir uns noch auf eine Pizza im Einkaufszentrum gegenüber vom Hotel auf. Die California Pizza Kitchen im Del Monte Shopping Center ist unbedingt empfehlenswert: Pizza frisch aus dem Steinofen, mehrere Microbrews on tab und eine umfangreiche Weinkarte. So stoßen wir mit einem frischen Weizenbier auf die kommenden Tage an.
Übernachtung: Del Monte Pines (57 EUR über Expedia). Gefahrene Meilen : 110
Mi 06.09. Monterey – Big Sur - Carmel
Dank Extrem-Zeitzonen-Jumpings sind wir natürlich schon in aller Frühe wach. Da bietet es sich an, direkt nach Salinas zum Monterey County Clerk zu fahren und die Bürokratie für die Hochzeit abzuwickeln. Das Amt macht um 8 Uhr auf, keine 10 Minuten später sind wir auch schon zur Stelle. Wir füllen einen Antrag auf Ausstellung einer Marriage License aus, schwören mit erhobener Hand, dass in dem Antrag nix gelogen ist, zahlen 69 Dollar Bearbeitungsgebühr und halten nach einer Viertelstunde das Dokument in der Hand. Das geht fix hier.
Jetzt gibt es erstmal Eier, Pancakes und alles, was dazugehört, in einem typisch amerikanischen Café in Downtown Salinas. Naja, Downtown... Es gibt eine ganz hübsche Main Street, die man irgendwie aus den 50er Jahren hinübergerettet hat, ohne dass die Gebäude einem Parkplatz hätten weichen müssen. Jetzt lässt sich die Straße fast schon als Historic District vermarkten. Das Frühstück ist jedenfalls großartig und auf dem Weg zurück nach Monterey kommt sogar hier und dort die Sonne durch. Wird auch Zeit! An der Küste selbst ist aber nach wie vor dichter Nebel die Macht.
 Zusammen mit unseren Freunden machen wir uns dann auf Richtung Süden. Der Julia Pfeiffer Burns State Park ist das erste Ausflugsziel. Irgendwie hatten wir uns beim letzten Kalifornien-Urlaub tatsächlich den berühmten Wasserfall am Strand entgehen lassen. Diese Lücke soll nun geschlossen werden. Und kaum sind ein paar Kurven auf dem HW 1 gefahren, reißt auch schon der Nebel auf und die Sonne strahlt vom Himmel. Wir halten bei erstbester Gelegenheit an und genießen den Blick auf das türkisblaue Wasser. Großartig!

Das mit dem Nebel ist aber nicht ganz ausgestanden, die Fahrt geht immer abwechselnd durch dichte Suppe und strahlenden Sonnenschein. Das Wetter sorgt für spektakuläre Momente an dieser an sich schon dramatischen Küste. Die sich gegen die Steilküste schiebenden Wolken sehen von oben betrachtet aus wie Milch in einer Schüssel. Wir lassen uns über eine Stunde Zeit für die 40 Meilen bis zum State Park.

Auf dem Parkplatz angekommen hinterlegen wir brav acht Dollar im Kästchen. Außer uns, scheint das kaum einer zu tun. Ich finde aber, dass das Geld hier gut angelegt ist, auch wenn wir nur den kurzen Pfad zum Aussichtspunkt gehen. Schließlich sind Einrichtungen wie diese die ersten, die staatlichen Etatkürzungen zum Opfer fallen. Leider krallen sich ausgerechnet in der kleinen Bucht am Wasserfall die Wolken fest. Schade zum Fotografieren, aber trotzdem schön.
Nach einer Weile stummer Bewunderung satteln wir wieder die Impalas und machen uns auf den Rückweg nach Carmel. Wir schauen beim Reverend vorbei, der uns am nächsten Tag zu Mann und Frau erklären soll. Bryan ist ein cooler Typ: dürfte Mitte 50 sein mit blankpolierter Glatze, fährt einen Pick-Up Truck und erzählt uns beim Lunch, wie er Anfang der 70er durch Europa getrampt ist und dort gelernt hat, dass der (christliche) American Way of Life nicht der allein selig machende ist. Seitdem ist er für alle möglichen Lebensentwürfe offen, egal welchen Glaubens man ist oder auch nicht. Hauptsache Love & Peace. Passt jedenfalls wunderbar an diesen Ort. Wir verabreden uns zur Trauung am nächsten Tag um 13 Uhr am Strand von Carmel-by-the-Sea. Das ist doch mal ein Date!

Anschließend schauen wir uns noch die Stelle für morgen an. Dort weht ein kräftiger Wind, der jetzt die Wolken wieder landeinwärts treibt – uns beschleicht ein etwas mulmiges Gefühl. Aber vielleicht haben wir ja Glück mit dem Wetter.
Nach einem Stopp im lokalen Safeway Supermarkt (natürlich habe ich gleich eine Clubkarte ausgefüllt: erstens gibt das satte Rabatte und zweitens Meilen bei United) und Besorgung von Getränken und allerlei Kleinigkeiten fahren wir dann endlich ins Hotel.

Die Unterkunft haut uns ziemlich aus den Socken: die Carmel Valley Ranch ist ein Ressort, etwa 10 Meilen von Carmel entfernt und wunderschön in den Hügeln gelegen. Der Golfplatz wird zwar gerade generalüberholt, aber sonst ist alles vom Feinsten. Da ich bei der Reservierung angegeben hatte, dass wir zur Hochzeit anreisen, gibt es gleich mal ein Upgrade in eine Suite mit eigenem Whirlpool auf der Veranda. Wobei auch die Standardsuites mit Wohnzimmer und Kamin ausgestattet sind. Sehr gemütlich. Zum Empfang begrüßt uns ein kleines Rudel Rehe vor der Zimmertür.
Die Abendgestaltung steht damit fest: „Cold beer in the hot tub.“ Vorher fahren wir noch mal nach Monterey in die Cannery Row zum Essen. Das Bubba Gump ist zwar eine echte Touristenfalle, aber frittiertes Seafood eine Leidenschaft von mir. Bis auf Conny können sich alle mit der Auswahl anfreunden, der Braut hat die Aufregung vor der Hochzeit auf den Magen geschlagen. Oh je! Kein Bier für sie heute Abend. Und auch nix von dem Sekt, den uns das Hotel komplimentärer Weise in die Suite stellt.
Unterkunft: Carmel Valley Ranch (267 Dollar) Gefahrene Meilen: 130
Do 07.09. Carmel
Today is the Day, Schluss mit lustig. Die Nerven der Braut sind kurz vorm Durchbrennen, obwohl in letzter Minute sogar der noch fehlende Blumenstrauß ins Hotel geliefert worden ist. Gut dass wir Trauzeugen dabei haben. So können sich die Mädels miteinander beschäftigen und die Jungs ein Bierchen kippen. Pünktlich um kurz vor eins taucht die Braut dann aber doch in voller Pracht am Strand auf. Puh, noch mal gut gegangen. Sogar lächeln geht wieder. Auch Bryan fährt pünktlich mit dem Pick-Up vor.
 Und dann ist alles perfekt: wir stehen an einer windgeschützten Stelle in den Dünen, hinter uns der tiefblaue Ozean, über uns die strahlende Sonne, der Blick geht über den schneeweißen Strand bis zu den grünen Golfplätzen von Pebbles Beach. Die Zeremonie ist wunderschön, niemand fällt in Ohnmacht und anschließend gibt es Schampus und Schokotorte beim Picknick am Strand. Interessanterweise nimmt kaum einer der sonstigen Besucher Notiz von uns. Hochzeiten scheinen hier sehr alltäglich zu sein.
Zum Abendessen entscheiden wir uns für das Forge in the Forest, ein uriges Restaurant, das in Carmel vor allem für „Best Outdoor Dining“ bekannt ist. Es ist uns aber doch zu kalt auf der Terrasse und so nehmen wir drinnen Platz. Ein ehemaliger Studienfreund von mir aus Washingtoner Uni-Zeiten kommt mit seiner Frau aus San Luis Obispo hochgefahren und es wird ein sehr schöner Abend. Das Essen im Forge ist super! Als Appetizer genehmige ich mir einen ganzen Eimer Muscheln, als Hauptspeise ein Calamari Steak in einer leckeren Kräuterkruste mit Angel Hair Pasta in einer Lemon-Chardonnay-Sahnesoße. Auch die Auswahl offener Weine kann sich sehen lassen. Aus Neugier bestelle ich einen Riesling aus Carmel – und bin sehr angetan. Außerdem gibt es Spatenbräu vom Fass. Prost – auf uns!
Gefahrene Meilen: 41
Fr 08.09. Carmel - Yosemite
Jetzt haben wir uns aber Urlaub verdient! Noch immer nicht ganz ohne Jetlag sind wir wieder recht früh wach und machen uns nun zu zweit auf Richtung Yosemite National Park. Vorher noch mal Großeinkauf im Safeway, denn die nächsten drei Tage ist Selbstverpflegung angesagt. Außerdem machen wir am Outlet Mall in Gilroy Halt. Wir sind zwar komischerweise überhaupt nicht in Shopping-Laune, aber ein paar Polos von Hilfiger gehen dann doch mit. Bei Panda Express gibt es noch leckeres Orange Flavor Chicken für alle!
Die Fahrt nach Osten quer durch das kalifornische Central Valley ist an Langeweile schwer zu toppen. Gemüsefelder wohin das Auge schaut, dazu so trostlose Orte wie Los Banos. Hier will ich nicht mal tot über dem Zaun hängen... Ach ja, wir halten an jedem K-Mart, Target und was sonst nach Supermarkt oder Drogerie aussieht auf der Suche nach einfachen Papierkarten, mit denen wir Fotos von unserer Hochzeit samt Partyeinladungen an Freunde und Familie schicken wollen. Vergeblich. Das sollte uns noch einige Nerven kosten. Immerhin erstehen wir bei Target eine Kühlbox (unglaublich praktisch, wenn man immer eisgekühlte Getränke dabei hat!) und einen Sonnenhut für Conny – zwei der besten Investitionen des ganzen Urlaubs.

Hinter Merced wird die Gegend dann endlich wieder hügelig und interessanter und spätestens ab Mariposa wird die 140 zur Traumstraße durch eine spektakuläre Gebirgslandschaft. Am Merced River entlang geht es immer höher Richtung Yosemite Valley. Einmal quert die Straße an einem gewaltigen Erdrutsch auf einer provisorischen Brücke den Fluss. Das dürfte damals eine Weile gedauert haben, bis die Strecke überhaupt wieder befahrbar war.

Gegen 17 Uhr passieren wir den Parkeingang. Unser Ziel ist die Ferienanlage Scenic Wonders in Yosemite West. Die liegt zwar außerhalb der Nationalparksgrenze, ist aber nur durch den Park über einen Abzweig an der Straße nach Wawona kurz hinter der Glacier Point Road zu erreichen. Das One-Room-Loft ist rustikal eingerichtet, verfügt über eine komplette Küche mit zwei Kühlschränken, einen Balkon mit Gasgrill und einen Kamin. Nur das Bett finden wir nicht auf Anhieb, das klappt man nämlich aus dem Schrank. Na ja, nicht sehr bequem, aber für drei Nächte wird’s gehen.
 Jetzt sind wir genau pünktlich, um den Sonnenuntergang am Glacier Point mitzunehmen. Das Panorama dort ist einfach atemberaubend. Der Half Dome leuchtet in der Abendsonne, der Blick geht Richtung Tuolumne Meadows, wo die Bergspitzen bis weit nachdem die Sonne weg ist rosa glühen. Fantastisch!


Unterkunft: Scenic Wonders (137 Dollar) Gefahrene Meilen: 235
Sa 09.09. Yosemite: Ostrander Lake Trail

Heute beginnt das Wanderprogramm. Bevor wir die Stiefel schnüren, entscheiden wir uns aber für einen Abstecher ins Tal. Das sind ca. 20 Minuten Fahrt von Yosemite West aus, dafür wird man jedes mal mit dem Tunnel View belohnt. Die Morgenstimmung dort ist einmalig und weit und breit kein Reisebus mit fotografierenden Japanern in Sicht.

Im Yosemite Valley hat es 46 Grad Fahrenheit. Bibber! Das hält mich aber nicht davon ab, an einigen schönen Stellen entlang des Merced River ein paar Fotostopps einzulegen. Über uns kreisen einige Drachenflieger, die vom Glacier Point losgesegelt sind und auf den Wiesen im Tal landen. Die Aussicht bei dem kurzen Flug muss unglaublich sein. Aber auch hier unten ist der frühe Morgen ein Erlebnis. Ein Granitriese nach dem anderen wird von der Sonne angestrahlt und spiegelt sich im Wasser der ruhigen Seitenarme des Merced.

Wir besuchen kurz den Shop im Yosemite Village. Hier fragen wir uns, warum wir eigentlich Lebensmittel quer durch Kalifornien gefahren haben – es gibt ALLES in dem Market!
 Bei der Weiterfahrt muss ich abrupt bremsen: zwei Kojoten kommen seelenruhig die Straße entlanggetrabt. Wildnis, wir sind da!

Um 11 Uhr beginnen wir unsere Wanderung zum Ostrander Lake. Der Trailhead ist an der Glacier Point Road und wem der Besucherrummel im Tal too much ist und wer Yosemite in seiner ganzen Einsamkeit erleben will, ohne sich tagelang durchs Unterholz schlagen zu müssen, für den ist diese Wanderung genau richtig.

Der Weg geht zunächst entlang des Bridalveil Creek, dem verzweigten Zulauf der gleichnamigen Wasserfälle, die allerdings jetzt im September eher ein Rinnsaal abgeben (aber immerhin mehr Wasser führen, als die Yosemite Falls, die bei unserem Besuch komplett trocken sind). So kriegt man kaum mit, dass man eigentlich einem Bachlauf folgt, nur ein paar Tümpel sind zu sehen. Der Weg ist etwas sandig, aber sehr angenehm zu laufen.

An sich spenden die Lodgepole Pines Schatten, man kommt aber durch einige Gebiete mit Waldbrandschäden, bizarr verkohlten Baumstämmen, aber auch jungem Grün. Wer verschiedene Entwicklungsstufen sehen will, wie sich so ein Wald wieder regeneriert, wird den Weg sehr interessant finden. Wir stöhnen eher über die gnadenlos brennende Sonne an diesen Stellen.

Nach gut drei Meilen steigt der Weg dann immer mehr an und es geht öfter über freies Gelände. Für den erhöhten Schweißfluss wird man mit schönen Aussichten z.B. auf den Half Dome belohnt.

Und wenn man sich fragt, wann denn jetzt endlich dieser blöde See kommt, schimmert es auf einmal blau zwischen den Bäumen: der Ostrander Lake ist erreicht, ein Bergsee wie aus dem Heidiland.
 Wir suchen uns ein sonniges Plätzchen am Ufer (sobald man aufhört zu laufen, kühlt einen der Wind sofort ab), futtern Kekse und ich halte meine Füße in das eiskalte und unglaubliche klare Wasser. Im Winter wird die kleine Hütte an dem See als Skistation genutzt, das Badger Pass Skigebiet ist nicht weit.

Nachdem wir lang genug gerastet haben, geht es auf dem gleichen Weg zurück. Nach 6 Stunden haben wir dann immerhin 21 Kilometer absolviert. Nicht schlecht für den ersten Tag. Die 500 Höhenmeter sind gut zu bewältigen, da die Anstiege nie steil sind. Und wir sind genau 10 anderen Menschen begegnet. Wie gesagt: es ist einsam dort.

Unterschätzt haben wir aber die Auswirkung der Höhe auf den Kreislauf: wir sind hier immerhin auf 2.000 Metern - und das einen Tag, nachdem wir vom Pazifik losgefahren sind. Das Herz pumpt da ganz ordentlich, um in der dünnen Luft die Muskeln mit Sauerstoff zu versorgen. Der Gedanke, am nächsten Tag die Tour zum Half Dome zu bewältigen, erscheint uns an diesem Abend doch einigermaßen gewagt...
Gefahrene Meilen: 90
So 10.09. Yosemite: Half Dome Trail
Noch vor Sonnenaufgang sind wir auf dem Weg zum Parkplatz am Happy Isles Nature Center, dem Trailhead für die Wanderung zu den Vernal und den Nevada Falls – und zum Half Dome. Wir wollen wenigstens sehen, wie weit wir kommen.
 Um 8 Uhr marschieren wir los und sind schon eine Stunde später über den Mist Trail an die Klippe der Vernal Falls geklettert. Hier waren wir vor vier Jahren schon einmal. Damals im Mai wurden wir auf diesem Weg bis auf die Unterwäsche von der Gischt durchweicht. Jetzt sind wir eher schweißgebadet.

Hinter den Wasserfällen bildet der Merced einige flache Becken, die Emerald Pools, in denen man im Sommer baden könnte. Jetzt ist es dafür zu kalt, außerdem scheint noch nicht mal die Sonne auf diese Seite des Canyons.
 Wir steigen weiter auf zu den 178 Meter hohen Nevada Falls. Oben angekommen, kann man sich direkt an die Felskante stellen, über die das Wasser in die Tiefe stürzt. Hui...
 Bei dem Wasserstand kann man gut den Pool am Fuß der Fälle sehen, im Frühjahr ist das ein einziger Nebel. Jetzt ist erstmal Zeit fürs Frühstück. Nach zwei Stunden haben wir schon 600 der knapp 1.500 Höhenmeter zum Half Dome bewältigt, Muskeln und Gelenke beschweren sich nicht. Also beschließen wir, den Weg fortzusetzen.
 Nach den Wasserfällen wandern wir auf angenehm ebenem Pfad durch ein Hochtal Richtung Little Yosemite Valley. Wir sind jetzt genau auf der Rückseite des Half Dome und können das Ziel erstmals sehen. Weit weg ist es hier noch. Ein Murmeltier sitzt auf einem Felsen und pfeift vor sich hin. Wahrscheinlich lacht es uns aus. Der Trail zweigt dann nach links ab und ab jetzt geht es nur noch bergauf. Acht Kilometer lang!
 Dieser Weg ist wirklich Quälerei pur und wir legen immer wieder kleine Pausen ein. Irgendwann ist es dann geschafft und wir erreichen ein Felsplateau an der Ostseite des Half Dome. Hier sieht man nun den Rest des Weges zur Spitze einschließlich der Kabel, an denen man sich das letzte Stücke hochhangeln muss.
Wir legen eine längere Pause ein und staunen über die Eichhörnchen, die sich über ein paar in der Nähe gelagerte Rucksäcke hermachen. Die Squirrels können Reißverschlüsse öffnen! Plastiktüten sind eh kein Problem und so knabbern sie fleißig aus der erbeuteten Tüte mit Sonnenblumenkernen. Conny verdirbt den Hörnchen das Mittagessen und stopft die Tüte tiefer in den fremden Rucksack. Dabei lockt sie die Viecher sonst immer extra an...

Auch das nächste Stück des Weges hat es in sich, denn nun geht es eine steile Felswand hinauf. Teilweise sind Stufen in den Stein geschlagen, teilweise läuft man über blanke Granitflächen. Die Steigung hier beträgt an die 45 Grad – und das ist noch nicht der Half Dome! Jedenfalls sieht man hier einige Leute auf allen Vieren kriechen.

 Die Aussicht von oben ist dafür grandios, die Luft an dem Tag völlig klar: einmal das komplette Yosemite-Panorama bitte. Dankeschön. Dafür hat es sich schon gelohnt, hier hoch zu kommen.
 Über einen Sattel erreichen wir schließlich die berühmt-berüchtigten Kabel. Die sind zwischen Metallpfosten gespannt, die in den Fels gebohrt sind. An ihnen hangelt man sich über eine 47 Grad-Steigung auf den Dome hoch. Alle paar Meter liegen Holzbohlen quer, an denen man verschnaufen kann. An diesem Samstag sind ein paar hundert Leute wie wir unterwegs, entsprechend geht es an den Kabeln zu, wie auf einer Ameisenstraße.
 Für mich ist hier Schluss: rechts geht es mindestens 1.000 Meter steil runter, links sind es vielleicht 800 Meter. Zwischen dem Abgrund und den Kabeln ist, genau, nichts. Das macht meine Höhenangst nicht mit. Bevor ich mitten in den Kabeln eine Panikattacke bekomme (wie übrigens bei einigen anderen Leuten gesehen), setze ich mich hier lieber in die Sonne und schaue Conny zu, wie sie zur Spitze klettert.



Sie schafft das problemlos, schießt oben ein paar Fotos und steht nach einer Dreiviertelstunde wieder neben mir, so dass wir uns bald an den Abstieg machen.


Der Weg nach unten ist dann ein Fest für die Knie. Dazu ist es mittlerweile ziemlich heiß geworden und der Weg durch den Wald zieht sich genauso endlos wie beim Aufstieg. Noch immer kommen uns Leute auf dem Trail entgegen. Wenn die bis aufs Plateau wollen, sind sie erst bei Dunkelheit wieder am Parkplatz. Einige sind mit erschreckend wenig Wasser und absurdem Schuhwerk unterwegs. Na ja, muss ja jeder selbst wissen, wie er seinen Körper an die Belastungsgrenze bringt. Immerhin ist hier so viel Betrieb, dass keiner Angst haben muss, in der Wildnis verloren zu gehen.

In dem Hochtal angekommen halte ich dann an einem kleinen Strand die Füße in den Merced River. Ahhh, tut das gut!
Weiter geht es zu den Nevada Falls, wo wir uns entschließen, nicht über den Mist Trail sondern über den John Muir Trail auf der anderen Seite des Tals weiterzuwandern. Dieser Weg lohnt sich allein schon wegen des Panoramas auf die Wasserfälle, die jetzt im weichen Licht der Nachmittagssonne liegen, genauso wie Half Dome, Liberty Cap und Mount Broderick. Dazu kommen wir an hängenden Gärten vorbei, an denen Wasser aus dem Fels sickert.

Allerdings ist dieser Weg um einiges länger als der Abstiegt direkt an den Fällen. In unzähligen Serpentinen, die unverständlicherweise teilweise asphaltiert und deshalb sehr rutschig sind, geht es nach unten Richtung Vernal Falls Bridge. Dort angekommen sind wir mit den Kräften am Ende. Mindestens so fremd wie Aliens kommen uns jetzt die Normal-Touristen vor, die hier in FlipFlops und billigen Turnschuhen unterwegs sind. Knapp 30 Kilometer stecken uns in den Knochen, wir sind komplett eingestaubt und verschwitzt, aber wir haben es geschafft! Nach 10,5 Stunden sind wir wieder am Auto.

Gefahrene Meilen: 35
Mo 11.09. Yosemite – Lee Vining
Heute überlassen wir mal dem Chevy die Arbeit der Fortbewegung – es geht über den Tioga Pass. Die Strecke sind wir noch nicht gefahren – beim letzten Besuch war der Pass gesperrt. Aber erstmal bekommt Conny ein „I Made It to the Top of Half Dome“ T-Shirt im Souvenir-Shop gekauft. Das hat sie sich verdient...


Auf der Tioga Road ist sehr wenig Verkehr, nur am Olmstead Point ist der Parkplatz fast voll. Der Blick geht von hier ins Yosemite Valley mit dem Half Dome und auf der anderen Seite zum malerischen Tenaya Lake, an dem wir auch einen kurzen Fotostopp einlegen.
 Dann geht’s weiter zu den Tuolumne Meadows, wo wir an einem kleinen Imbiss, dem Meadow Grill, ein Sandwich essen.

Und dann überkommt es uns doch noch mal: eine KLEINE Wanderung kann man ja unternehmen, wo wir schon hier sind. Unser Ziel ist der Elizabeth Lake, knapp vier Kilometer vom Tuolumne Meadows Campground entfernt. Dass der Weg am Anfang schon wieder steil bergauf geht, kommt uns zwar nicht unbedingt entgegen, aber wir kämpfen uns durch und nach 250 Metern Höhendifferenz flacht das Terrain endlich ab und der Pfad führt bald an einem Bach entlang. Sehr idyllisch hier oben.

Der Elizabeth Lake ist dann sogar noch schöner als der Ostrander Lake, an dem wir vorgestern waren. Unglaublich auch, wie ruhig es hier ist. Das einzige Geräusch machen die umhersurrenden Libellen. Das hat sich doch mal wieder gelohnt! Der Rückweg ist denn auch ein Kinderspiel. Wir begegnen noch einem Reh, das sich durch uns überhaupt nicht beim Futtern stören lässt, und sind nach 2,5 Stunden wieder am Parkplatz.


Der obere Teil der Tioga Road ist wunderschön. Wir kommen an kleinen Seen und Bächen vorbei und ruckzuck ist auch schon der östliche Eingang des Nationalparks erreicht, der Tioga Pass Entrance, schlappe 3031 Meter hoch.

Jetzt kommt eine spektakuläre Abfahrt nach Lee Vining. Unschön: nach einigen Kurven fängt das ganze Auto beim Tritt auf die Bremsen wie wild an zu ruckeln. Anscheinend ein Defekt, der sich bemerkbar macht, wenn die Bremsen heiß werden. Das ist allerdings der denkbar ungünstigste Zeitpunkt dafür! Hoffentlich halten die Bremsen noch bis wir an Las Vegas vorbeikommen, dann wird die Karre getauscht. Und bis dahin muss ich wohl öfter mal runterschalten, was halt bei einem Automatik-Auto immer etwas nervig ist.

In Lee Vining haben wir im Yosemite Gateway gebucht, das sich als bezauberndes kleines Motel entpuppt. Wir werden sehr herzlich von der Besitzerin empfangen und im schönsten Zimmer ganz hinten mit Aussicht auf den Mono Lake untergebracht. Oder das, was von ihm übrig ist. Das schreit doch nach einem kalten Sam Adam’s auf der Veranda. Dank Kühlbox ist das sofort zur Stelle.


Zum Abendessen müssen wir nur über die (einzige) Straße gehen. Bei Bodie Mike’s lässt es sich schön auf der Terrasse sitzen, Nevada Ale trinken und Ribs und Burger verschlingen. Nach drei Tagen Hot Dogs aus der Mikrowelle das erste gescheite Essen für uns. Dort auf keinen Fall noch mal probieren: das sogenannte „Garlic Bread“, ein anscheinend über mehrere Stunden in einer Alufolie aufbewahrtes und daher halb durchweichtes, halb vertrocknetes Baguette, aus dem Fett trieft. Iiihhh... Aber die Ribs sind okay.
Unterkunft: Yosemite Gateway Motel (144 Dollar) Gefahrene Meilen: 93
 
|
|